Vortragsabend Holodomor

Holodomor – Hunger als Waffe

Die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Rhein-Neckar, der Lehrstuhl der Universität für Osteuropäische Geschichte sowie die Gesellschaft für Ostbeziehungen Rhein-Neckar luden  am Freitag, den 8.11.2013, in die Neue Universität zum Vortragsabend „Holodomor – Hunger als Waffe“ ein. Neben den Vorträgen von Prof. Dr. Gerhard Simon aus der Universität zu Köln und Dr. Ernst Lüdemann, dem Ehrenvorsitzenden der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Rhein Neckar e.V., konnten die zahlreichen Besucher auch Teilexponate aus der Ausstellung „Holodomor – Der unbekannte Völkermord an den Ukrainiern“ ansehen.

Holodomor setzt sich zusammen aus den ukrainischen Worten HOLOD (Hunger, Hungern, Hungersnot) und MORYTY (Leid veranlassen, Tötung, Vernichtung). Die Ukrainer bezeichnen mit diesen Worten das verkannte Genozid an der ukrainischen Bevölkerung, das vom kommunistischen Regime unter der Anführung von Stalin im Winter 1932-1933 begangen wurde.

Im einem gut besuchten Vortrag erklärte Prof. Dr. Simon, einen Holodomor in der Sowjetukraine* und in der Region Kuban im Nordkaukasus auszulösen, sei eine bewusste Entscheidung der stalinistischen Politik gewesen. Er betonte, durch die nationale Revolution von 1917 -1921 sei das Ukrainische Nationalbewusstsein erwacht, viele sehnten sich nach einem unabhängigen Nationalstaat. Deswegen, erörterte Prof. Dr. Simon, sei Stalin nach einem einfachen Kalkül vorgegangen: Ohne Volk gibt es kein Land und daraus folgend gibt es auch kein Problem. Durch eine künstlich herbeigeführte Hungersnot sollten die ukrainisch-nationalen Eliten, und vor allem deren soziale Basis, die Landbevölkerung und die wohlhabende Kulaken, vernichtet werden.

execution-by-hunger-posterDie von Stalin angesetzten politischen Maßnahmen um einen Hungerstod auszulösen seien drastisch gewesen. Zuerst seien im Herbst 1932 die Getreideabgabequote für ukrainische Bauern künstlich angehoben worden. „Als Konsequenz bei der Nichterfüllung dieser Vorgabe konfiszierten die sowjetischen Behörden zusätzlich zum Getreide auch andere Lebensmittel, untersagten den Brotverkauf und setzten die betroffenen Bauern auf eine „Schwarze Liste“, was das Handelsverbot mit notwendigen Gütern des täglichen Bedarfs zufolge hätte“, betonte Prof. Dr. Simon.

Zugleich seien nicht nur die Dörfer voneinander isoliert und abgeriegelt worden, sondern auch der Verkauf von Eisenbahn- und Schiffskarten an die Bauern sei verboten worden.
Prof. Dr. Simon erklärte weiter: „Diese Maßnahmen sollten die Bauern an der Ausreise in andere Regionen der Sowjetunion hindern. Um die Hungerpolitik vor dem Rest der Welt zu verschleiern, exportierte die Sowjetunion ihre landwirtschaftlichen Produkte ins Ausland: Die Exporte von 1,6 Mio. Tonnen Getreide im Jahr 1932 stiegen im Jahr 1933 um 30 Prozent.“
Währenddessen seien in der Sowjetukraine Millionen verhungert. Im Ergebnis, schloss Prof. Dr. Simon, führte der Holodomor in der Sowjetukraine zu einer Ausrottung von 20 bis 25 Prozent der Gesamtbevölkerung.

In der Ukraine ist bis heute strittig, ob der Holodomor als Genozid im Sinne der UN-Konvention gegen den Völkermord anerkannt werden soll. Der amtierende Präsident Wiktor Janukowytsch erklärte in seiner Rede im April 2010 vor dem Europarat, dass man den Holodomor nicht als Genozid anerkennen könne, da es eine „gemeinsame Tragödie der Staaten war, die zur UdSSR gehörten”. Damit hat er die Bestrebungen des vorherigen Präsidenten Wiktors Juschtschenko und des ukrainischen Parlaments „Werchowna Rada“ für die Anerkennung des Holodomors als Genozid so gut wie verkannt.

In seinem Abschlusswort legte seine Exzellenz Pavlo Klimkin den Besuchern der Veranstaltung ans Herz, den Holodomor nicht nur als historisches Ereignis zu verstehen, sondern für die Schicksale der Betroffenen Mitgefühl zu entwickeln.

*Betroffen waren vor allem die Ostgebiete der Sowjetukraine. Dass  der Westen der Ukraine nicht betroffen war, ist auch ein Beweis, dass diese Hungersnot ein künstlich gemacher Hunger war.

 

Kategorien: Allgemein

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