Mit Theater die Gesellschaft verändern

Es ist das Schicksal vieler kulturell revolutionärer Ideen, dass sie irgendwann Teil des Establishments werden. Die Kreativität von gestern sei die Bierreklame von morgen, sagt Darren O’Donnell in seinem theaterkritischen Manifest „Social Acupuncture“ (2006). Ein Theater der Regisseure und Schauspieler ohne Interaktion mit dem Publikum hat in seinen Augen keine Berechtigung. Das gegenwärtige Theater hinke den gesellschaftlichen Notwendigkeiten hundert Jahre hinterher, meint der 1965 geborene Kanadier.

Projekt Children’s Choice Award: Auf der Ruhrtriennale vergaben die Kinder und Jugendliche von “Mammalian” eigene Preise.

Theater, wie O’Donnell es versteht, muss direkt in die Gesellschaft eingreifen und sie verändern. Dieser avantgardistische Gestus ist selbst schon historisch. Der situationistische Anspruch seiner Theatergruppe „Mammalian Diving Reflex“ (der Name spielt auf Überlebensreflexe an, die alle Säugetiere beim Untertauchen im Wasser gemein haben) erinnert in mancher Hinsicht an den antiautoritären wie auch den utopischen Zug der engagierten Literatur und Kunst um 1968.

Was O’Donnells Idee jedoch neu und aktuell macht, ist ihr konsequenter Bezug auf die vielleicht dringendste Problematik der westlichen Gesellschaften heute: die Situation von Flüchtlingen und Migranten aus aller Welt, die in ihnen ankommen, ohne anzukommen.

Mit seinen Theaterexperimenten möchte O’Donnell Menschen zusammenbringen, die sich sonst wahrscheinlich nicht begegnet wären – besonders auch über Generationsgrenzen hinweg. Denn einerseits gelte es ja gerade die Kinder, die als fremd wahrgenommen würden, zu integrieren. Andererseits könnten Kinder aber auch durch ihre unvoreingenommene Art ganz anders auf Fremde zugehen und selbst zu Erziehern werden. Das passt zu seinem Credo, dass der Lernprozess, den ein Theaterprojekt anstößt, nicht nur beim Publikum, sondern auch bei der gastgebenden Institution stattffinden soll.

O’Donnell stammt aus einer Lehrerfamilie. Er bezeichnet sich selbst als Sozialarbeiter und macht kein Geheimnis daraus, dass Kunst für ihn vor allem ein Vehikel zur Verwirklichung sozialer Zusammenkünfte ist, die es unter anderen Umständen nicht geben würde. Wie sonst könne er Erwachsene und Kindern, die einander nicht kennen, etwa bei einem gemeinsamen Abendessen zusammenbringen?

Ein kühnes Projekt, mit dem „Mammalian Diving Reflex“ bereits an ganz verschiedenen Orten für Aufsehen gesorgt hat, nennt sich „Haircuts by Children“. Dabei werden Kinder zu Friseuren gemacht, und Erwachsene sind ihre Versuchsobjekte. Einige der Ergebnisse führte O’Donnell nun bei seinem Besuch im Interkulturellen Zentrum in Gründung vor: zum Beispiel bei einen Mann namens Hugh, dem die Kinder diesen Namen ins Haar zu rasieren versuchten – ein Experiment, das vielleicht nicht jeder mitgemacht hätte. Dieser Hugh sei danach von seiner Freundin noch mehr geliebt worden als zuvor, sagte der Künstler bei der Vorführung von Fotos der Aktion.

Haircuts by Children, bei dem Zehnjährige nach einem einwöchigen Workshops im Schneiden, Rasieren und Management ihren eigenen Frisörsalon organisieren.

Der Künstler hat allerdings auch Stadtplanung studiert – und das ist ein weiterer Aspekt seines Schaffens: Er möchte die Segregation von sozialen Gruppen in verschiedene Viertel vermeiden, die dann jeweils einen bestimmten Ruf haben. Wo das bereits der Fall ist, versucht er darauf aufmerksam zu machen, um etwas zu verändern. In Toronto zum Beispiel klingelte das „Mammalian“-Projekt mit einer multi-ethnischen Gruppe aus Kindern und Erwachsenen bei wildfremden Leuten und fragte sie ganz einfach: „Wobei können wir Ihnen helfen“? Gemeinsam wurden dann Hausaufgaben gemacht, Fenster geputzt und sogar mit afghanischen Flüchtlingen eine Notunterkunft gebaut.

Das Interagieren von Erwachsenen und Kindern in einem Kunstprojekt sei gerade in Nordamerika nicht einfach, weil die dortige Gesellschaft geradezu panische Angst vor Pädophilie habe, erzählt O’Donnell. Solche Vorbehalte gegenüber seiner Arbeit ärgern ihn, der sich besonders für Kinderrechte einsetzt und aus der UN-Kinderrechtskonvention ein eigenes Manifest abgeleitet hat, das sogenannte „Mammalian Protocol“.

Mit seinen Ideen hofft er auch in Deutschland etwas bewirken zu können. Er war bereits Gast der Ruhrtriennale und wird im Frühjahr 2015 mit dem Theater im Pfalzbau in Ludwigshafen zusammenarbeiten.

Bei Migrationsthemen nimmt O’Donnell kein Blatt vor den Mund: Er habe den Eindruck, dass man Migranten in Deutschland oft noch sehr paternalistisch und bevormundend gegenübertrete und von ihnen verlange, dass sie zwecks Assimilation ihre Herkunftskultur oder die ihrer Eltern vollständig aufgeben. Auch hier, findet O’Donnell, müsse der Lernprozess ein gegenseitiger sein.

JAN WIELE

Jan Wiele studierte in Heidelberg Anglistik und Germanistik und schrieb dort seine Dissertation über selbstreflexives Erzählen in der modernen Literatur. Er arbeitete als Deutschlektor in der Tschechischen Republik und an der amerikanischen Ostküste, bevor er in den Journalismus wechselte. Er ist fester freier Mitarbeiter im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).”

 

Kategorien: Allgemein

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